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| ATTILA JÓZSEF - Leben und
literarische Entwicklung (aus: Tibor Klaniczay: Handbuch der ungarischen Literatur. Budapest 1977, S. 452-464.) |
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In der ungarischen Literatur des 20. Jahrhunderts kann dem Lyriker Ady an Bedeutung nur Attila József an die Seite gestellt werden, so unterschiedlich auch das Lebenswerk der beiden ist. Gänzlich verschieden gestaltete sich auch ihr ganzer Lebensweg, was nicht allein an der Verschiedenheit ihrer Persönlichkeiten lag und auch kein Zufall war. Ausschlaggebend dafür ist die unterschiedliche historische Situation und die andersgeartete Aufgabe, die den beiden zufiel. Adys Aufgabe war es, anzuregen und eine abgestandene alte Welt in Gärung zu bringen. Attila József durfte bereits das Begonnene vollenden und zusammenfassen. Nachdem Ady seinen persönlichen Ton gefunden hatte, platzte er wie eine Explosion in die ungarische Literatur hinein; Attila József mußte sich fast ein Jahrzehnt lang entwickeln, mußte erst reif werden, bevor er seine völlig neue künstlerische Welt herauszugestalten vermochte. Daran lag es, daß man seine Bedeutung und seine Rolle erst mit großer Verspätung begriff. Lebenslauf Attila József kam in einem Arbeiterviertel Budapests als sechstes Kind eines halb ungarischen, halb rumänischen Seifensieders und eines ungarischen Bauernmädchens von der Tiefebene zur Welt. Als Attila drei Jahre alt war, verließ der Vater unter dem Druck der schweren Verhältnisse die Familie; er wollte nach Amerika auswandern, um dort mehr für die Seinen verdienen zu können. Es gelang ihm nicht, er kehrte nicht zu seiner Familie zurück. Attila József kam vorübergehend zu Zieheltern ins Dorf, dann wiederum in die Hauptstadt zurück und lebte dort das notdürftige Leben eines Proletarierkindes. Die Mutter, die sich als Wäscherin durchschlug, starb 1919. Es linderte die Einsamkeit des Jungen wenig, daß ihn der Gatte seiner älteren Schwester, ein Rechtsanwalt, unterstützte, für seine minimalen Bedürfnisse sorgte und ihn in der Provinz zur Schule gehen ließ. Er fühlte sich doch immer als armen Verwandten behandelt. Der erste Gedichtband des Siebzehnjährigen erschien mit der Unterstützung des Dichters Gyula Juhász. József studierte an der Szegeder Universität, ging 1925 nach Wien und setzte 1926-1927 in Paris seine Studien fort, immer unter äußerst schwierigen Verhältnissen. Um diese Zeit wurde er mit dem Marxismus, der Arbeiterbewegung und den modernen Kunstrichtungen bekannt. Obgleich die Gedichtbande Józsefs in rascher Folge erschienen, hat niemand seine wahre Bedeutung erkannt. Er wandte sich immer entschiedener gegen die bestehende Gesellschaftsordnung und trat 1930 in die illegale kommunistische Partei ein, nachdem schon vorher gewisse lockere Verbindungen bestanden hatten. Anfang der 30er Jahre leistete József aktive Parteiarbeit, 1931 erschien ein Band revolutionärer Gedichte, den die Staatsanwaltschaft beschlagnahmen ließ, der Dichter wurde dafür wiederholt vor Gericht gestellt. Durch die Tätigkeit in der Bewegung fand er im Kreis der Arbeiter eine verständnisvolle und hilfsbereite Gemeinschaft. Seine Lebensgefährtin dieser Jahre, Judith Szántó, verband ihn noch enger mit der Arbeiterbewegung. Damals widmete er sich auch theoretischen Studien, schrieb – leider nur – kurze Aufsätze. Attila Józsefs Verbindung mit der illegalen Partei dauerte zwei oder drei Jahre. Zum Teil persönliche, zum Teil prinzipielle Gründe, die heute nicht mehr ganz geklärt werden können, führten zu einem Bruch mit der Partei. Es gelang József nicht, eine ständige Anstellung zu erhalten. Er hatte seine philologischen Studien nicht beendet, und er besaß kein Diplom. Mit seiner gelegentlichen schriftstellerischen Arbeit konnte er nur äußerst schwer durchkommen, zuweilen darbte er im engsten Sinn des Wortes. 1931 erschien der Gedichtband Nacht in der Vorstadt (Külvárosi éj), der ihn bereits als vollständig ausgereiften Dichter zeigte, dennoch wurde er von der Kritik wenig verständnisvoll aufgenommen. Das Gefühl der Vereinsamung wurde immer starker, die überempfindlichen Nerven begannen Krankheitssymptome zu zeigen. Der Dichter unterzog sich einer psychoanalytischen Behandlung, die ihm anscheinend mehr schadete als half. 1934 erschien ein Sammelband unter dem Titel Bärentanz (Medvetánc) und 1937 der letzte Band, Es tut sehr weh (Nagyon fáj). Damals begannen einige Kritiker, sich mit dem Dichter seiner Bedeutung entsprechend näher zu befassen, József wurde Mitherausgeber der 1936 ins Leben gerufenen Zeitschrift "Szép Szó". Eine allgemeine Anerkennung ließ indes noch immer auf sich warten, und unglücklich gestaltete sich auch das Privatleben des Dichters. Er trennte sich von seiner Lebensgefährtin, eine neue Liebe blieb unerwidert; und es verbitterte ihn auch, daß er nicht zum Schriftstellerkongreß in die Sowjetunion eingeladen wurde. All das zerrüttete seine Nerven derart, daß er wiederholt in eine Nervenheilanstalt gebracht werden mußte. Für die Kosten mußten andere aufkommen; diese Angewiesenheit auf fremde Hilfe seit seiner Kindheit belastete den empfindlichen Dichter schwer. Eigentlich stand auch die Zeitschrift "Szép Szó" nicht ganz unter seiner Leitung. Attila József erkannte, daß sein Zustand unheilbar war und stürzte sich im Spätherbst 1937 vor einen Lastzug. Dies geschah in einer Ortschaft am Plattensee, wohin ihn seine Schwestern zur Erholung mitgenommen hatten. Eine dem Rang Attila Józsefs würdige literarische Anerkennung begann erst nach seinem Tod. Offiziell anerkannt wurde der Dichter jedoch erst vom sozialistischen Ungarn. Der Aufstieg Zu der Zeit, als Attila József mit seinen ersten Werken an die Öffentlichkeit trat, gab es in Ungarn keinen Mangel an begabten, gebildeten Dichtern. Die Besten der Nyugat-Generation standen auf der Höhe ihrer Entwicklung, und daneben war bereits eine neue Dichtergeneration angetreten. Gedichte mit expressionistischen, futuristischen oder surrealistischen Tendenzen bedeuteten ebensowenig eine Neuigkeit wie etwa solche, die auf den schlichten Ton der alten Volkslieder zurückgriffen. Aus seinen ersten Gedichten lernt man einen begabten Dichter kennen, der verschiedene Einflüsse seiner eigenen Persönlichkeit gemäß verarbeitet, der aber sein eigenes, ausgeprägtes Gesicht noch nicht gezeigt hat. Von Kosztolányi brachte József den Hang zu dem für gewisse kleine Meister charakteristischen illusionslos genauen Realismus und den Sinn, bestimmte Augenblicke festzuhalten mit; von Gyula Juhász die innige Gemeinschaft mit Mensch und Landschaft, das Mitleid mit den Armen, den mitfühlenden dichterisch geformten Humanismus; von Babits das Streben nach Klassizität; von Kassák lernte József später die kühneren expressiveren Wortverbindungen, den Mut zur Sprengung der älteren konventionellen Schemata, die Fähigkeit, nur auf die innere Bindung des Versbaus zu achten, sowie die Einbeziehung der modernen technisch-wissenschaftlichen Anschauungsweise und Terminologie. Andere aktuelle Tendenzen erweckten seinen Sinn für die schlichte Melodik des Volkslieds, ab er auch für seine dissonanteren Elemente. Dem aus Paris Zuruckgekehrten merkte man surrealistische Einflüsse an, aber auch von Ady oder Majakowski stammende revolutionäre Züge waren zu spüren, die empörerische, bittere Aufrichtigkeit ließ an Villon, die beschreibende Lyrik an Verhaeren und andere denken. Bei all dem war József kein Epigone, auch in seiner Frühzeit nicht. Jedesmal fügte er etwas Neues und Persönliches hinzu, Momente, deren Bedeutung und Neuartigkeit erst im Zusammenhang mit dem ganzen Lebenswerk richtig zu erkennen sind. Ein Meisterwerk der frühesten Zeit ist Studienkopf (Tanulmányfej), ein Sonett mit Untertönen, die an Gyula Juhász und Kosztolányi erinnern. Durch die Sonettform und die stellenweise üppige Pracht der Beiwörter steht er mit diesem Gedicht seinen Vorgängern noch sehr nahe, aber das menschliche Gesicht, das hier als Studienkopf dient, das Gesicht eines im Dunkeln sitzenden trunkenen Tagelöhners oder Landstreichers, stammt bereits aus einer Gesellschaftsschicht, in die keiner der beiden Vorgänger einen so tiefen Einblick getan hatte. Auch die Entschiedenheit des inneren Aufbaus weist über die Vorbilder hinaus. Von der räumlichen Unbegrenztheit des Morgens verengt sich das Bild zur Geschlossenheit des Saales, und weiter zur Gestalt des Menschen darin, noch weiter bis zum Gesicht und schließlich bis zum Auge des Menschen. Diese räumliche Verengung geht mit einer nicht räumlichen Vertiefung Hand in Hand; man wird von der Wahrnehmung der müden Töne des Morgens zum Begreifen eines bankrotten menschlichen Lebens geführt. Ähnliches findet man in anderen meisterhaften Gedichten wie z. B. in Der Hunger (Éhség); hier wird von Landarbeitern in der Mittagspause ein plastisches, diszipliniertes Bild entworfen, oder in dem Gedicht Der ermüdete Mensch (A megfáradt ember) mit dem ungemein warmen, innerlichen Ton. Auch in anderer Hinsicht "lernte" Attila József auf die Weise, daß er fremde Ergebnisse aufnahm und vervollkommnete. Er übernahm vom Volkslied die schlichte Melodik und steigerte sie zu einer im höchsten Maße kunstvollen Melodie, indem er die Zeilen oder Strophen in jedem Glied einander zuneigen, sich miteinander verbinden ließ (Schwingendes Schilf; Perlen [Holott náddal ringat; Klárisok]. Ein anderes Mal unterstreicht er die soziale Bitternis des Volkslieds und macht sie bewußter, so in den "Arme-Leute-Gedichten" (Ballade vom armen Mann [Szegényember balladája]; Die Geliebte des armen Mannes [Szegényember szeretõje]). Er gestaltet die freie assoziative Gelöstheit des Surrealismus zum Lied, zugleich erhält sie ein märchenhaft groteskes Kolorit, wie z. B. in einigen Stücken des Zyklus Medaillen (Medáliák), die bald in erschreckende seelische Ängste, bald in naive, selige Verwunderung versetzen. Einsame, sich selbst überlassene Kämpfer des Proletariats kommen mit ihrer empörerischen Verbitterung im Stile Villons - zum Teil auch den Gedichten Brechts ähnlich - in seinen Gedichten zu Wort, z. B. in der Ballade vom Profit (A tõkések hasznáról). Wenn József von revolutionären Demonstrationen und Kämpfen dichtet, bekommt darin das schmetternde revolutionäre Pathos Majakowskis einen verinnerlichten Ton und strömt in lockeren Formen aus (Sozialisten [Szocialisták]; Masse [Tömeg]). Die Sehnsucht der Vereinigung mit der Welt und die Freude über diese Vereinigung findet manchmal in pantheistisch-beschwingten Gedichten, manchmal in Zeilen von naiver Reinheit (Ich segne dich mit Kummer und Freude [Áldalak búval, vigalommal] ; Siehst du? [Látod?]) ihren Ausdruck. Der leidenschaftliche Wille zum Verändern und zum Verbessern äußert sich in expressionistischer Gehetztheit (Ein schöner Sommerabend [Szép nyári este van]), dann wiederum kommen Gedichte, die die winzigen Veränderungen des Lebens bestaunen, sie genau, geradezu plastisch beschreiben (Ameise [Hangya]). Józsefs Lyrik wurde von Schritt zu Schritt reicher, aber zu einer Synthese gelangte sie erst um 1931. Um diese Zeit entstanden die dem Umfang und der Zielsetzung nach bedeutenderen dichterischen Schöpfungen, von denen gesagt werden kann, daß sie fremde Einflüsse nur indirekt enthalten, sie sind von den Zellen seiner Dichtung aufgesogen worden, einer Dichtung, die epochal neu ist. Beschreibende und Gedankenlyrik Die bedeutendsten Schöpfungen des Dichters gehören in das Gebiet der beschreibenden und der Gedankenlyrik. Allerdings kann von einer starren Gruppierung so weniggesprochen werden wie von einer präzisen Bestimmung der Kategorien, sind doch Liebesbeteuerungen und politisch-weltanschauliche Bekenntnisse in jeder dieser "Gruppen" vorhanden; immerhin gehören Gedankliches und sachliche Beschreibung in der reifen Lyrik Józsefs eng zusammen. Die beschreibende Lyrik hat in der ungarischen Literatur schöne Traditionen. Die realistischen Bilder, die Sándor Petõfi in seinen Landschaftsgedichten von der Tiefebene und den dort lebenden Menschen schuf, drücken eine selbstsichere Lebensbejahung aus, und dasselbe kann von den beschreibenden Teilen von János Aranys epischen Gedichten gesagt werden. Die materiellen Erscheinungen der Natur gaben den bei den reiche Anregungen. Gewisse Elemente und Tendenzen dieser Tradition gab der Nyugat-Dichter Gyula Juhász an Attila József weiter. Bei Juhász vermischte sich indessen die objektive Wirklichkeitsdarstellung mit dem in der modernen Kunst starker hervortretenden Subjektivismus: Die gegenständliche Welt, die Formen des Seins, Raum und Zeit erscheinen aufgelöst in der subjektiven Gemütsverfassung des Dichters. Wirklichkeitserfassung József bemüht sich um die Erfassung der objektiven Außenwelt, denn ihre Ordnung, behauptet er, ist durch objektive Gesetze bestimmt. "Hier auf glitzernder Felsenwand sitz ich...", "Jetzt steh ich da am Eck des Eisenwerks", heißt es in den Gedichten. Während er die Welt betrachtet, bringt er auch sich selbst an einem anscheinend unverrückbar schweren, räumlich und zeitlich bestimmten Punkt unter: am Stamm eines sich aus dem Dunkel vorneigenden "Baumes mit Rostblättern", oder auf einer Hügelkuppe, die Übersicht über Landschaft und Dinge bietet. Mit Erschütterung nimmt der Dichter die Tatsachen der Außenwelt zur Kenntnis, die durch das Subjektive, Innere nicht verändert werden können. Das bezieht sich auf Gegenstände, soziale Zustände und allgemeine Gesetze der Existenz. Die flaumweiche Dämmerung muß dem eisigharten Himmelsgewölbe weichen, und die scheinbar friedliche Stille des Dorfes wird als lebensfeindliche Starre entlarvt (Theißwinkel [Tiszazúg]). Ein anderes Mal wird der Rausch des "luftigen, sanft warmen Frühlingsabends" durch einen Blick verscheucht, der die auf der Straße schlafenden Menschen trifft (Mein Vaterland [Hazám]). Den in den Zauber der Jugenderinnerungen Flüchtenden mahnen die wie Zellengitter über ihm ausgespannten Sternbilder mit ihrem kalten Licht und die Glockenschläge, die mit hartem Dröhnen die Stille zerbrechen, daß die Dinge der Welt in die unerschütterlichen Seinsformen von Raum und Zeit eingeschlossen sind (Besinnung [Eszmélet]). So gewinnt in dieser Lyrik die Außenwelt nicht nur ihren objektiven Charakter wieder, sondern die gegenständliche massive Realität wird auch in jedem Moment nachdrücklich betont (Am Rande der Stadt [A város peremén]). Konstruktiver Aufbau Diese Harte will nicht nur die objektive Realität der Dinge betonen, sie macht zugleich ihre Entfremdung oder anders gesagt: ihre Menschenfeindlichkeit fühlbar. überdies ist die in den Gedichten dargestellte Außenwelt um vieles umfassender und komplizierter als jene, die die Dichter im vorigen Jahrhundert kannten. Winternacht oder Güterzüge rangieren erfassen den Anblick in kosmischen Perspektiven, in deren Unendlichkeit die ganze vom Menschen übersehbare Weil winzig ist, ein Mikrokosmos von Atomgröße, ein im Rauch schwirrendes Funkengebilde. In den Gedichten An der Donau oder Besinnung erscheinen dagegen das Schicksal und die unmittelbare Umwelt des Menschen in "die Vollständigkeit der Zeit" einbegriffen. …Die Donau strömte. Wie im Schoße schön So bin ich nun. Seit hunderttausend Jahren (An der Donau [A Dunánál]) Das unendliche Bild setzt sich oft aus scharf kontrastierenden Teilen zusammen, einander gegenübergestellte Stücke werden von Schritt zu Schritt zu einem erstaunlich konstruierten Ganzen, wobei diese fast ingenieurhaft geplante Konstruktion doch verborgen bleibt. Das vollständige Bild, das am stärksten in Winternacht (Téli éjszaka) ausgeprägt ist, dem aber in dieser Hinsicht Nacht in der Vorstadt (Külvárosi éj) oder auch Elegie gleichen, vereinigt die lebensvollen menschennahen Details mit den Elementen, die dem Menschen total und extrem fremd sind. …Die schiefen, schlechten Stufen, (Elegie) Denkt man an Städtebeschreibungen Verhaerens, so sind das nur sehr ferne Anklänge vielleicht auch gewissermaßen Vorläufer dieser Dichtung. Bei Verhaeren erscheinen die Elemente der modernen gegenständlichen Welt noch als Abbilder uralter Mythen. Bei Attila József sind die Landschaft und ihre Elemente in ein modernes wissenschaftlich fundiertes Weltbild eingebaut. Seine Gedichte stellen eine nach den Gesetzen der objektiven Wirklichkeit konstruierte Ganzheit dar, und darin weichen sie vom größten Teil der modernen gegenständlichen Lyrik ab. Man wird bei József mit einem von Gegensätzen durchdrungenen, in allen Gliedern Geheimnisse bergenden, mit der disziplinierten menschlichen Vernunft dennoch meßbaren geordneten Weltganzen konfrontiert. In einer Welt, die aus losen mikro- und makrokosmischen Ketten aufgebaut ist, muß sich der auf sich selbst gestellte Mensch behaupten. Das ist die Anschauung der materialistischen Dialektik; es ist das fremden Mächten ausgelieferte, aber den Kampf um das menschliche Sein durchaus entschlossen auf sich nehmende klassenkämpferische Proletariat des 20. Jahrhunderts, das da spricht, und es spricht zugleich ein überaus empfindlicher, aber streng logischer Künstler. So ist die Dichtung Attila Józsefs wohl die höchste Leistung, die die sozialistisch-realistische Lyrik hervorgebracht hat. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre,
nachdem József seine avantgardistische Zeit hinter sich hatte, schrieb er wieder
überwiegend gereimte Gedichte. Das bedeutet indes bei ihm nur zu einem geringen Teil eine
Rückkehr zu schon Gewesenem. Die sehr bestimmte Konstruktion weicht ab von der früheren,
artistisch disziplinierten Periode, als er sich der gegebenen Sonettform anpaßte. Die
lineare Struktur, wie wir sie im Studienkopf beobachten konnten, wird jetzt von
Strukturen abgelöst, die aus kontrastierenden, auch die Spannkraft von Dissonanzen
nutzenden Teilen aufgebaut sind. Damit im Zusammenhang löst eine scheinbar
unregelmäßige Form das regelmäßige äußere Schema ab. Es sind da Zeilen von
wechselnder Lange, ungebundene Reim- und Rhythmikformeln, wobei aber die Tatsache, ob
Reime vorhanden oder nicht vorhanden sind, an welcher Stelle sie stehen und welcher Art
sie sind, jedesmal eine spezifisch bestimmte Funktion im Gesamtaufbau des Gedichtes hat. Die Grundfragen des menschlichen Seins Das Gefühl der totalen Einsamkeit war in József ebenso stark wie die Bereitschaft des Künstlers, in der Außenwelt glücklich und erfüllt aufzugehen. Diese Ambivalenz zeigt sich in seinem ganzen Lebenswerk, aber auch in einzelnen Gedichten wie z. B. in der Ode. …O wie heiß Dich, die wie der Wasserfall vom eigenen Gedröhn Brocken geronnenes Blut Doch bis zu dieser Stund brülln sie nach dir! Wie hoch doch der Himmel sich aufwölbt im Morgen, (Ode) Die völlig verhüllte, aber sehr
regelmäßige Konstruktion wird von ständig andere Gestalt annehmenden Motivpaaren -
besonders der Wandelbarkeit und der Unwandelbarkeit - bestimmt, die geradezu archetypische
Tiefe besitzen. Ich blicke unterm Abend auf (Besinnung) In dem anderen Gedicht bekennt er, daß der schöne, unaufhaltbare Rhythmus des Lebens stärker ist als die Widersprüche der Wirklichkeit und daß der Mensch sich in diesen Rhythmus einzuschalten vermag. Wenn jeder Stempel auch krachte, (Gelegenheitsgedicht...) Durch diese Erkenntnis erleuchtet, läßt er das menschliche Ich in der Außenwelt aufgehen: "nicht im Gras, in den Bäumen, sondern im ganzen" erblickt er - gleichsam mit dem All verbrüdert - "wie der Wind ein Netz im Laub webt", und wie der Abend sanft und still die zerwühlten Linien der Wolken glättet. Revolution und Einsamkeit Daß in den Gedichten das Erlebnis der zerfallenden Gesetze zum Ausdruck kommt, hängt stark mit der historischen Tatsache der Machtergreifung des Faschismus in Deutschland zusammen. Um 1930 schrieb József von klassenkämpferischer Leidenschaft erfüllte, zielbewußte, revolutionäre Gedichte. Damals entstanden Masse, Sozialisten, Holzfäller, Arbeiter (Favágó; Munkások), und Am Rande der Stadt, ein Gedicht, das die Lehren des historischen Materialismus in künstlerische Form faßt. Auch später erhebt der Dichter noch seine Stimme für eine menschenwürdige Existenz, als er nicht mehr an die Möglichkeit glaubt, daß in naher Zukunft eine sozialistische Gesellschaft zu verwirklichen sei. Bald leise sehnend (Thomas Mann zum Gruß [Thomas Mann üdvözlése]), bald leidenschaftlich fordernd (Luft! [Levegõt!]) spricht er von einer Welt, in der Freiheit und Ordnung herrschen, die daher schön und klug ist, und in der auch das Leichte und Spielerische Platz finden. Die klare kultivierte Vernunft und die instinktive Suche nach Gefährten empfindet er als zu dem innersten Wesen des Menschen gehörig: Mein Meer ist in der warmen Bucht heißt es im Schon lange… (Már régesrég...). Darum erkennt er es als die höchste menschliche und künstlerische Aufgabe, eine menschenwürdige Gesellschaft zu erkämpfen, die menschliche Integrität zu schützen. Ich kehr dem Kneipenglück den Rücken, Sollst essen, trinken, schlafen, küssen, Halt fest das Glück und sprich nicht drüber, Der Mensch ist noch nicht groß, mitnichten, (Ars Poetica) In den letzten Lebensjahren wird die völlige Vereinsamung das beherrschende Erlebnis des Dichters: Er empfindet sich als einen Teil der "im leeren Raum schwankenden Welt"; "mein Herz sitzt auf dem Zweig des Nichts", so im Gedicht Hoffnungslos (Reménytelenül). "Meine Sachen hören zu wie leere Bänke dem verrückten Lehrer", "was ich anfasse, hält meine Hand nicht", klagt er an anderer Stelle. Das Erlebnis des Zerfalls, der Zersetzung oder auch das Erlebnis des Eingeschlossenseins klingt aus den Zeilen, die er mit zerrütteten Nerven schrieb: "Hinter den Gittern meiner Ideen springe ich umher wie der Affe und fletsche die Zahne" (Springt ein und aus... [Ki-be ugrál...]). Aber selbst die Schrecken des zerfallenden Bewußtseins finden ihren Niederschlag in vollkommen klaren Bildern, in Versen von klassischer Disziplin. Er schreibt in dieser Spätzeit Gedichte, die den Wirbel apokalyptischer Bilder der Qual in künstlerische Form fassen (z. B. Es tut sehr weh), aber zugleich auch solche von objektivem psychologischem Realismus; er bringt es fertig, seinen Seelenzustand wie eine Erscheinung der Außenwelt zu betrachten. Dann wiederum Gedichte, die - wie einer seiner Kritiker feststellte - "Mitteilungen enthalten, die der Leser, wenn nicht aus jeder Zeile eine süße Musik herausklinge, nicht ertragen könnte." Das Liedhafte seiner frühen Gedichte kehrt in der Spätzeit in vollendeter Form ebenfalls wieder. Fortsetzung der Tradition Metrisch und der Strophenform nach ist die Lyrik Attila Józsefs ebenfalls außerordentlich vielfältig. In seinen Bänden kommen einfache Lieder und mehrteilige Kompositionen vor; bald bedient er sich antiker Formen, bald schreibt er freie Rhythmen, dann wiederum Sonette oder Sonettzyklen. Abwechslungsreich sind Józsefs Gedichte auch akustisch. Manchmal ist der Klang den begrifflichen und bildhaften Folgen untergeordnet, dann wieder gewährt er der Musikalität fast völlige Freiheit. Eine der Eigentümlichkeiten seiner Dichtung ist der stark persönliche Ton. Er berichtet von den Ereignissen seines Lebens genauso wie von seiner Klasse, seiner Nation oder der Menschheit. Mit dieser Eigenschaft setzt er ebenfalls eine Tradition der ungarischen Lyrik fort, die er übrigens auch erneuert. Je klarer József das Brüchige des 20. Jahrhunderts, das Widerspruchsvolle der Welt erkannte, um so mehr strebte er nach dem Gesetz und um so mehr hielt er es für seine Pflicht, in der Welt seiner Gedichte eine strenge Ordnung zu schaffen. Er erlebte die Einsamkeit des Menschen, seine Verlorenheit in der Welt und brachte diese Gefühle zum Ausdruck; zugleich aber gab er auf die Grundfragen eine von sozialistischer Weltanschauung durchdrungene Antwort, wie sie die Situation des Menschen erforderte: Die Aufgabe des Menschen ist, die Welt mit seiner Vernunft zu messen, in ihr seinen Platz zu finden und für eine Humanisierung zu kämpfen. |