literatur.gif (2847 Byte)

Satan
von Tamás Jónás

 

Der Vater schnitt dem dreijährigen Janika die Kehle durch. Dann steckte er einen Federkiel in den Schnitt, damit wieder Luft in die Lungen des Jungen strömen konnte. Seine Hand zitterte, doch er war entschlossen, mit zusammengekniffenen Augen, seine Lippen waren auf Papierstärke zusammengepreßt, tat er, was er tun mußte. Er hockte am Boden, in seinem Schoß das Kind. Sie kauerten so stumm und unbeweglich in der Mitte des Zimmers, als wären sie Statuen. Sie warteten auf den Rettungswagen.

»Wenn du Luft kriegst, Janika, dann nicke!«
Janika nickte. Der Vater drückte ihn mit einer Hand fest gegen seine Schenkel, damit er sich nicht bewegen konnte. Das Herz des Jungen schlug so heftig, daß man seine Brust pochen sah. Tränen kullerten aus Janikas Augen, über seine Wangen, links und rechts. Blut sickerte aus seiner Wunde, tropfte auf die Hose des Vaters, auf den Steinboden in der Küche, sammelte sich zu einem kleinen Rinnsal und schlängelte sich in Richtung Türschwelle. Der Dackel stand in der Tür und kostete das frische Blut, es schien als ob er genau wüßte, daß er das nicht dürfe, aber es schmeckte ihm. Bea, Janikas Schwester, sie war kaum ein Jahr älter als er, trat dem Hund in die Flanke, auch sie weinte, zitterte, wußte nicht, was tun; Mutter war schon um die Rettung gelaufen, Bea kratzte in ihrer Verzweiflung an den Wänden aus Lehm.
Janika war ein Bissen im Hals stecken geblieben, ein Stück Apfel.

Vierzehn Jahre vergingen. Man sagt, während dieser Zeit wird der Mensch zweimal »runderneuert«, all seine Zellen erneuern sich völlig. Weiters sagt man, daß alle sieben Jahre sich auch die Seele verändert: Nach sieben Jahren bist du im Vergleich zu dir selbst immer ein wenig anders.
Auch Janika hatte sich sehr verändert, er war ein freches, herumtollendes Kind gewesen, ein Bengel, bis der Apfel ihm im Hals stecken geblieben war. Die Rettung war rechtzeitig gekommen, die Rettungsfahrer lobten den Vater, seinen Mut, sein Geschick. Die Rettung war abgefahren, mit dem Buben und der Frau, und der Vater sackte vor dem baufälligen Haus zusammen.

Janika wurde still, er zog sich zurück, war plötzlich schüchtern. In den zweiten sieben Jahren wurde diese Stille, die bis dahin weiß, unschuldig gewesen war, schwarz und hinterhältig. Er war in seinen Flegeljahren. Taglang ließ er sich nicht zuhause blicken, seine Schwester zischte er nur an, wenn diese ihn zur Rede stellte, wo er denn schon wieder hinginge in schwarzen Schuhen, schwarzen Hosen, schwarzem Hemd, wenn es doch zum Verrecken heiß ist.
Am Morgen ging er aus dem Haus, am Abend oder irgendwann in der Nacht kam er zurück, manchmal blieb er tagelang fort.

Die Familie lebte nicht mehr im Dorf, nicht mehr im Zigeunerviertel: Sie war in die Stadt gezogen, im siebten Stock eines zehnstöckigen Wohnsilos hatte sie eine Dreizimmerwohnung zugewiesen bekommen. Aus dem Fenster blickte man auf Felder und Wälder, mehr verlangten sie auch vom Leben nicht mehr.

Die Mutter verteidigte Janika natürlich, stritt mit ihrem Mann, er solle sich hüten, am Buben Hand anzulegen, weil sie ihn dann sofort verlasse. Das Kind sei verstört, habe Probleme, man müsse ihm helfen, es nicht noch mehr verletzen.
»Kümmer dich lieber um deine Weiber, und steck deine Nase nicht in Dinge, von denen zu nichts verstehst!«

Eines nachts kam Janika nach Hause, in seinen trüben Augen trug er eine unbekannte Welt, in ihnen glitzerte eine unbekannte Kraft, etwas Geheimnisvolles. Scheppernd schloß er die Wohnungstüre auf, alle wurden aus dem Schlaf gerissen.
»Wo bist du gewesen, mein Kind?« frage die Mutter voller Sorge.
Der Junge antwortete nicht. Er wankte in die Küche. Der Vater stand im Vorraum, in der Unterhose, und beobachtete ihn. Er gähnte dabei laut, es war drei in der Früh. Der Vater sagte nichts, er wollte nicht streiten.
Janika kramte einige Zeit im Küchenschrank herum. Großer Lärm, irgend etwas fiel zu Boden, der Vater trat näher, er wollte sehen, ob sein Sohn sich den Kopf gestoßen, er vielleicht gegen das Fester gefallen war. Man fällt leicht aus dem siebten Stock.

Janika hatte ein Messer in der Hand. Als der Vater in die Küche trat, stach er zu. Er traf ihn ins Herz. Der Vater sah ihn überrascht an:
»Was machst du, Junge?« Und er klappte zusammen.
Janika fiel seiner Mutter um den Hals, er weinte, das Messer umklammerte mit seiner Rechten.
»Er ist der Teufel! Der Satan steckt in ihm!« Er stöhnte auf und Tränen stürzten aus seinen Augen.
»Mami, wir sind gerettet…«

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2005.