| Der Fund von Tamás Jónás |
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| Schneller, schneller, gleich ist er oben, auf dem Hügel, und dann rollt er bergab. Doch er tritt in die Pedale, strampelt auch bergab, nur mehr zwei Hügel und dann die lange Gerade, er fliegt dahin! Pista jagte auf seinem schwarzen Fahrrad dahin, er mußte stehen,
weil nur ein Rohr aus dem Rahmen stand, wo sonst ein Sattel ist. Darauf konnte er sich
nicht setzen. Seine knöchrige Brust war unbedeckt, als er vom Hügel
hinuntersauste. Sein schwarzes Haar flatterte im Wind. Er hatte es schon lange nicht mehr
geschnitten, es reichte ihm bis an die Schultern, hing ihm immer ins Gesicht. Als ob es vor dem nahenden Gewitter flüchtete. Am Nachmittag, als er sich aufgemacht hatte, um Pilze und Himbeeren zu sammeln, waren die Wolken schon dunkel über den Wäldern gehangen; der Hunger und die Langeweile hatten ihn hinausgetrieben. Verrückt! Geübte Pilzsammler gehen immer nur am frühen Morgen, denn nachmittags ist nichts mehr zu finden. Die Wolken hatten wohl all ihre Kräfte vereint, denn sie rückten langsam in Richtung Dorf vor. Gemächlich, würdevoll, wie eine übermächtige Armee. Pisti blickte sich immer wieder um, als wollte er vor ihnen flüchten. Er fuhr mit ihnen um die Wette, aber nur aus Spaß, er beobachtete, wie sie ihm, regenschwanger, immer näher kamen. Er spürte schon ihren kühlen Hauch, und der Hügel, den er gerade erst hinabgerast war, war schon hinter einem nebeligen Regenvorhang verschwunden. Pista war müde, doch er nahm all seine Kraft zusammen, trat in die Pedale, lag fast auf der Lenkstange und plagte sich; am liebsten hätte er geschrieen vor Schmerz und Aufregung. Der Regen holte ihn ein. Eiskalte Regentropfen schlugen ihm auf den Rücken. Er wandte sein Gesicht zum Himmel, mit weit offenem Mund schluckte er die riesigen Tropfen. Er war voller Glück. Und er trat nicht mehr, ließ das Fahrrad einfach rollen. Bis ins Dorf war es nicht mehr weit. In seiner rechten Hand hielt
er das gefaltete Papierstück, dort war es in Sicherheit, es durfte nicht naß werden.
Fünftausend Forint. Unglaublich, daß er sowas im Wald gefunden hatte. Sicher hatte es
irgendein ungeschickter oder betrunkener Bauer verloren, es war auf der Kappe eines
Steinpilzes gelegen, der es noch nicht ganz durchs Laub geschafft hatte. Dem Buben war
ganz schwindelig geworden, als er den Geldschein erblickte. Er hatte Angst ihn aufzuheben.
Zuerst lauschte er. Sicher wollte sich jemand mit ihm einen Scherz erlauben und hatte sich
auf einem Baum oder in den Sträuchern versteckt. Es war still. Er hob ihn auf, schaute
sich um, ob nicht vielleicht noch mehr herumliegen. Er musterte nur eine kleine Fläche,
er war zu aufgeregt, eilte zu seinem Fahrrad, um seiner Mutter so rasch wie möglich
seinen Fund zu zeigen. Der Krämer wird noch offen haben, wenn er sich beeilt. Endlich ein
richtiges Abendessen. Vielleicht erlaubt ihm die Mutter auch ein Bier. Ist er doch schon
ein großer Junge, bald siebzehn, andere haben schon Kinder, nur er ist ständig zuhause,
bei seiner Mutter. Seitdem der Vater und seine sechs Geschwister gestorben waren, weil
diese Gasflasche explodiert war, konnte er seine Mutter nicht mehr alleine lassen. Als ob
sie den Verstand verloren hätte, war sie tagelang im Dorf herumgelaufen. Sie hatte ihre
Kleider zerrissen, war mitten auf der Straße gekniet und hatte zum Himmel gemurmelt und
geschrieen, als ob sie mit jemandem streiten würde. Sie bot sich jedem Mann an, dem sie
begegnete. Sie zeigte ihre Brüste oder hob ihren Rock: Pista nahm sie an der Hand und führte sie nach Hause, brachte sie zu Bett und tröstete sie. Vom Haus war kaum etwas geblieben. Die Wand des einen Zimmers war eingestürzt, über dem andern war noch etwas vom Dach übrig, dort waren sie eingezogen. Mutter wollte nirgendwo anders wohnen, obwohl sich viele angeboten hatten und die Gemeinde ihnen sogar ein leerstehendes Haus gegeben hätte. Oft beruhigte sie sich nur langsam und weinte dann plötzlich wieder auf, ganz leise, wie ein vierjähriges Mädchen, da küßte sie Pisti, wild, mit solcher Leidenschaft, daß man mißbilligend meinte: das sei ja schon eine Liebesbeziehung. Die Monate vergingen und langsam beruhigte sie sich. Stumm ging sie von Haus zu Haus, half bei der Küchenarbeit, bei der Gartenarbeit, bekam ein wenig Essen und Geld. Das Haus wurde hergerichtet, ein Zimmer; für sie beide war es genug. Mit dem Sohn, der ihr geblieben war, lebte sie ein stilles, trauriges Leben . Die Dörfler lobten ihren Fleiß, doch konnten sie nicht verstehen, warum sie sich nicht um die sieben Gräber kümmerte. Nie ging sie auf den Friedhof, nie stellte sie Blumen aufs Grab, nie kniete sie betend vor den Holzkreuzen. Nicht einmal zum Begräbnis war sie gegangen. Pisti erreichte endlich das Dorf. Der Regen war ihm zuvorgekommen. Keiner war auf den Straßen, wie gern hätte er mit seinem Glück geprahlt. Fünftausend Forint! Ein Vermögen! Dann fiel ihm ein, daß es doch besser ist, niemandem davon zu erzählen. Vielleicht hatte es doch jemand aus dem Dorf verloren. »Das gehört jetzt mir!« sagte er ungewollt. Argwöhnisch blickte er sich um, als er vor dem Haus hielt. Vielleicht war ihm jemand gefolgt? Noch bevor er die Haustür öffnete, strich er den Geldschein glatt. Er wollte sich noch einmal versichern, daß er nicht geträumt hatte, nicht böse Alben ihm einen Streich gespielt hatten. Und wirklich. Ein alter, zerknitterter Fünftausendforintschein. Durch viele Hände war er gegangen, in vielen Hosentaschen war er gesteckt, viele Läden, viele Wirtshäuser hatte er gesehen. Pisti holte tief Luft und trat ein. Er hatte sich vorgenommen, seine Mutter raten zu lassen, was er wohl in der Hand hielte. Es war dunkel im Zimmer. Das Gewitter hatte das ganze Dorf in eine frühe Nacht getaucht. Er schaltete das Licht ein. Der Geldschein fiel ihm aus der Hand und er sank auf die Knie. Seine Mutter baumelte am Lampenhaken, unter ihr ein umgestoßener
Schemel. Eine unwirklich lange, weiße Zunge hing aus ihrem Mund. Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2004. |