Die Frau, mit der ich ständig schlafen muß
(Auszüge aus den Abenteuern eines alten Mannes)
von Tamás Jónás

 

Ich muß mit ihr schlafen. Das ist ihre Manie. Wäre sie ein Mann, würde ich mich verstehen, würde verstehen, warum ich mich immer bitten lasse, warum meine Knie zittern, wenn sie unten herumfummelt, an meinem Schlitz und dann hineingreift, während sie zu mir heraufschaut (sie ist fast einen Kopf kleiner), wenn sie lächelt und in ihren Augen der Glaube glitzert, die Hoffnung in die nahe Zukunft schimmert, und ich erwidere ihr Lächeln, um mich nicht zu verraten, ich versuche selbstbewußt zu sein, hab ich doch kein Geheimnis vor ihr, kann ich doch vor ihr kein Geheimnis haben. Der Bus ist überfüllt.

Also: wäre sie ein Mann, würde ich meine Verlegenheit verstehen, doch sie ist keiner, und deswegen versteh ich weder mich selbst noch sie. Sie ist rein, offenherzig, gescheit (vielleicht verstehe ich sie deswegen nicht), sie liebt mich (wer weiß, gesagt hat sie’s nie, sie ist so gescheit, daß sie weiß: so etwas muß man nicht aussprechen, also – liebt sie mich; ganz sicher), sie liebt mich so sehr, daß sie selbst meine große Nase, meine Zahnlücken und die fünf, sechs (einige meinen mehr als zehn) Kilo Übergewicht nicht stören.

Ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, ob ich sie nun liebe. So sehr mag ich sie. Was sie macht, das macht sie gut und immer zur rechten Zeit. Sie ist da, wenn sie da sein muß, und sie ist nicht da, wenn ich sie nicht brauche. Ich habe keine Zeit, sie zu lieben, denn sie gibt alles und behält nichts zurück, sie ist mein (in Budapest, Margarethenring), und doch wieder nicht (in meinen Träumen, Sehnsuchtsphantasien). Wenn ich träume, dann träume ich eher von der Verkäuferin im Supermarkt, wenn ich mich meinen Phantasien hingebe, dann sehne ich mich nach der Frau vom Arzt einen Stock über uns oder nach seiner Tochter. Ich kann nie entscheiden, wer wer ist, ich höre immer nur ihre Stimmen und sehe fast immer nur ihre Rücken, alle beide laufen stets die Stiegen hinunter, an unserem Küchenfenster vorbei, weil auf sie unten schon ein Auto wartet, das Auto brummt, der Motor heult auf, und sie rasen davon – deswegen glaub ich, daß es doch eher die Tochter ist. Doch bin ich mir nicht ganz sicher, da einmal der Arzt hinuntergelaufen ist, und genau das gleiche Auto brummte, der Motor heulte auf, und er raste davon.

Ich muß mit ihr schlafen. Das ist ihre Manie. Sie läutet und wenn meine Frau in die Gegensprechanlage spricht, dann stellt sie sich vor und teilt ihr mit freundlicher Stimme mit, daß sie mit mir sprechen wolle, dann plaudert sie mit mir ein viertel Stündchen, meine Frau ist natürlich auffallend nervös (sie hat langes braunes Haar und eine Brille mit dickem, schwarzen Gestell), sie geht öfters aufs Klo (genau neben der Klotür ist nämlich die Gegensprechanlage), und ich lache, weil die Frau, mit der ich ständig schlafen muß, gescheit ist und Humor hat, und deswegen fühl ich mich allem Anschein nach wohl, und dann zieht meine Frau ihre Hausschuhe an (zuhause läuft sie immer barfuß herum, obwohl ihre Eierstöcke schon zwei Mal entzündet waren, ich weiß nicht, ob man vom barfuß Herumlaufen Eierstockentzündung bekommen kann, doch ich wäre an ihrer Stelle ein wenig vorsichtiger); und meine Frau erklärt, daß sie jetzt hinuntergehen und diese Hure verjagen würde, was bildete die sich ein und so. Und sie geht dann wirklich hinunter, doch dann kommen sie gemeinsam herauf, meine Frau lächelt, sie lacht sogar laut auf, als sie über die Schwelle treten, das stört mich wiederum, ich bin ein argwöhnischer Mensch, ich denke mir immer, sie lachten über mich. Und dann essen wir gemeinsam Nachmahl. Und meine Frau meint schließlich:

»Du könntest öfter kommen, meine Liebe!« Meine Frau ist auch nicht mehr die Jüngste (ich hab schon erwähnt, daß sie Brillen mir dickem, schwarzen Gestell trägt, oder?), sie kann sich die Wendung »meine Liebe«, nicht abgewöhnen, auch das »schrecklich, wer hat denn sowas schon gehört« nicht und das »aber sicher, da ist auch mir der Mund offen geblieben«.

»Ach, wozu denn?« fragt die Frau mit ihrer eigenartigen Freundlichkeit, während sie nur mich anschaut, oder ich denke es mir nur – mit verführerisch großen Pupillen –, mein Kopf ruht nämlich auf meiner Brust, absichtlich habe ich mich angepatzt, um mich beschäftigen zu können.

Pudding ist eine dankbare Sache, damit kann man sich leicht anpatzen und ihn dann verschmieren, wenn man ein bißchen ungeschickt tut. Und er hinterläßt auch seine Spuren, er scheint etwas ganz Ernstes zu sein. Und meine Frau drängt jedem Gast Pudding auf, mir scheint, sie hat in einer hinteren Ecke des Kühlschranks Pudding versteckt, der für mehrere Wochen reicht. (Wir haben selten Gäste: alle halben Jahre einen, jedes Jahr zwei, alle anderthalb Jahre drei – und immer ist es der gleiche Gast: die Mutter meiner Frau.)

»Ich schlafe sehr gern mit deinem Mann.«
»Die Frau ist vielleicht ein wenig ordinär.«, meint meine Frau. Ich würde sie eher mutig nennen, und dafür bewundere ich sie. Ich habe keine Ahnung, wie jemand so selbstbewußt, hübsch und auch noch frech sein kann.

Die Frau, mit der ich ständig schlafen sollte, versteckte mit durchdachter Zufälligkeit einen kleinen Zettel mit ihrer Adresse in meinen braunen Halbschuhen im Vorzimmer. Sie achtete darauf, daß ich ihn auf jeden Fall bemerkte: ein kleines Saures Drop steckte sie neben den Zettel. Leider hatte sie dieses Drop vorher schon im Mund gehabt, deswegen blieb es in meinen alten, aber sehr bequemen Schuhen kleben, und ich hatte lange mit ihm zu kämpfen.

»Bis du zurückkommst, ist die Milch aus«, herrschte mich meine Angetraute an.

Und wirklich: schon eine viertel Stunde versuchte ich das Saure Drop aus dem Schuh zu kratzen, doch die Angst meiner Frau, daß die Milch ausgehen könnte, war unbegründet: Als wir noch auf dem Land wohnten, ist es wahrlich ab und zu passiert, daß die gewiefteren jungen Kunden, alle Milch schon aufgekauft hatten, bis ich es ins Geschäft schaffte. Doch das war niemals ein wirkliches Problem, da ich keine Milch trinke (ich bekomme Durchfall) und meine Frau sie den Katzen gab; die waren aber immer mit allen möglichen Delikatessen versehen, so daß sie kein einziges Mal in das bis zum Rand gefüllte Milchschüsselchen hineinleckten.

Und dann zogen wir vor einem Jahr in die Stadt, weil meine Mutter gestorben war, sie hatte uns eine große Wohnung hinterlassen, unser Haus im Dorf wollte sich ohnehin schon lange schlafen legen. Wenn man sie erschießt, dann sinken Elefanten um, wie die Mauern unseres Hauses umgesunken sind. Die Elefanten hab ich im Fernsehen gesehen. Meine Mutter war 87 gewesen, glücklich, und hatte ein loses Mundwerk gehabt. Sie hatte sich sogar im Krieg wohl gefühlt, sie hatte nie jemanden oder etwas verloren, einzig und allein ihr Leben.

Die Wohnung ist schön, groß und hell. Die Katzen konnten wir nicht mitbringen, trotzdem muß ich weiterhin jeden Morgen Milch besorgen. Ich fragte erst gar nicht, warum. Denn einen Liter Milch jeden Tag, können wir uns ja leisten, meine Mutter war Schauspielerin (böse Zungen sagen: Freudenmädchen), sie hat uns viel Geld hinterlassen. Um sieben in der Früh steh ich auf, schlurfe die Stiegen hinunter, in der Hand eine Packung Milch, die ich Tage zuvor gekauft habe, sie ist sauer, sie wurde gar nicht geöffnet; dann geh ich ins Geschäft an der Ecke, kaufe ganz, ganz langsam ein.

Ich darf mich nicht beeilen. Meine Frau, ich weiß nicht, ob das natürlich ist oder nicht, spielt jeden Morgen ein wenig mit sich selbst. Sie ist 58, trägt Brillen mit dickem, schwarzen Gestell, vielleicht ist sie ein bißchen unglücklich. Einmal hab ich beschlossen, sie zu fragen, ob sie wirklich macht, was ich glaube, doch dann hab ich mich nicht getraut. Sie sah gerade fern, und da hört sie nie, was ich sage, der Fernseher brüllt ganz laut. Mit 58 hört man nicht mehr so gut. Einmal, als ich noch nicht wußte, daß ich am Morgen immer langsam einkaufen muß, war ich nach ein paar Minuten wieder aus dem Geschäft zurück. Ich hetzte nach Hause, um die Milch gleich in den Kühlschrank stellen zu können, da hörte ich ein eigenartiges Schnaufen, ein Röcheln im Schlafzimmer. Ich blickte durch die Schlafzimmertür, langsam und vorsichtig, um meine Frau nicht zu erschrecken, ich dachte mir, vielleicht träumt sie schlecht oder regt sich gerade über irgendeine Fernsehsendung auf. Doch sie schlief nicht. Sie sah nicht fern. Sie stand vor dem Fenster, hatte ihr Nachthemd hochgezogen, hielt es mit der linken Hand, mit der anderen wühlte sie in ihrer Unterhose. Die Knie hatte sie ein wenig abgewinkelt, und während sie in ihrem Schritt rubbelte, beobachtete sie irgend etwas ganz angestrengt. Ich stellte mich neben sie – nicht um sie zu ärgern, verstand ich doch in diesem Moment noch nicht genau, was sie da machte –, ich dachte mir, sie hätte ein Problem und bräuchte vielleicht meine Hilfe. Sie winselte immer schneller und lauter, prustete, drückte ihre Knie zusammen und atmete aus, langsam und lange, ihr Kopf sank auf die Brust. Ich dachte, sie hätte einen Herzanfall. Doch nachdem ich schon neben ihr stand, blinzelte auch ich durch den Vorhang, und da sah ich, daß im Haus gegenüber ein junger, durchtrainierter Junge Gewichte stemmte, auf einer Laufmaschine rannte und schließlich sich an einer Stange hochzog, unzählige Male, als ob man ihn dafür bezahlen würde.

Meine Frau war schrecklich verlegen, als sie bemerkte, daß ich neben ihr stand, doch ich tat so, als hätte ich nichts gemerkt, setzte mich ins Fauteuil und begann mich zu beklagen, wie viel Hundescheiße immer auf dem Trottoir herumliegt. Sie aber nickte verständnisvoll und zog sich schnell an.

Seitdem kaufe ich ganz langsam ein, lasse mir Zeit, und wenn ich doch zu bald nach Hause komme, setz ich mich im Vorzimmer hin, spiele einige Zeit mit meinen Schuhbändern, als ob sie verknotet wären. Manchmal sind sie es wirklich.

Die Frau, mit der ich ständig schlafen muß, ist die Mutter dieses Turnerjungen. Einmal haben wir uns in der Früh im Laden an der Ecke getroffen, eigentlich hat sie mich getroffen, mit ihrem Einkaufswagen abgeschossen, und so sehr ich auch versuchte, mich zu fangen, es gelang mir nicht. Ich stürzte in die Tiefkühltruhe, in der glücklicherweise noch keine polaren Temperaturen herrschten, weil man im Geschäft an der Ecke die Gefriertruhe über Nacht immer ausschaltet, um Strom zu sparen. Die Frau half mir aus den am Abend noch gefrorenen, doch in der Früh schon ein wenig saftigen Hühnern, Erbsen und Eislutschern zu steigen und lächelte mich an. Mit einem um Verzeihung bittenden Gesicht. Ich kann schwer beschreiben, wie so ein Gesicht aussieht. Ich versuche mich an diesen Gesichtsausdruck immer vor dem Badzimmerspiegel, doch er will mir irgendwie niemals gelingen, ich rede lieber: Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich um Entschuldigung bitten will.

Sie begleitete mich dann nach Hause, plapperte über sich selbst, gleich stellte sich heraus, wessen Mutter sie ist, ich verschwieg ihr natürlich in welcher besonderen Beziehung ich und ihr Sohn stehen – ich will mein Leben nicht verkomplizieren. Es ist von sich aus kompliziert genug.

Eigentlich hab ich kein Problem mit unseren Liebesspielchen. Ich habe mir eine Monatskarte gekauft, mit der Straßenbahn bin ich in zwanzig Minuten bei ihr, sie empfängt mich in leichter Kleidung, reißt mich zu Boden, setzt sich auf mich und nach zwei oder drei Minuten Herumgewetze sind wir auch schon fertig, sie kommt sehr schnell, manchmal kreischt sie dabei, sie lobt meine Männlichkeit, daß ich trotz meines Alters allzeit bereit bin. So ist es auch. Ich weiß nicht warum, doch er wird steif, wenn er steif werden muß. Doch zu mehr ist er nicht imstande. Meine einzige Freude ist die Freude der Frau, die ständig mit mir schlafen will. Zuerst fragte sie noch, ob es eh nicht schlimm sei, daß es nur für sie gut war, und ich meinte, ach was, das ist schon in Ordnung, ich freue mich, daß ich überhaupt noch gut für etwas bin, gut für irgend jemanden. Dann gewöhnte sie sich diese Fragerei ab: sie macht die Tür auf, setzt sich auf mich, rutscht hin und her, hin und her, wälzt sich von mir herunter auf den Rücken, liegt auf ihrem großen französischen Doppelbett und beschwert sich über ihren Mann, der vor gar nicht all zu langer Zeit gestorben ist. Ich fragte sie, wann? Und sie meinte, letzte Woche, genauer: am Samstag. Mir kam die Sache merkwürdig vor, doch ich fragte nicht weiter, denn wenn man über fünfzig ist, ist es besser, wenn man nichts mehr hinterfragt, jeder Tag ist dann ein Geschenk, jedes Erlebnis ist ein Geschenk, jede Frage, die man nicht stellt, ist einem Wegzehrung, Nahrung für den Rest des Lebens. Über fünfzig lernt man die Welt durch Fragen kennen, nicht durch Antworten – und man gewöhnt sich ab, die sich sehr selten stellenden Fragen auszusprechen. Weil diese Fragen könnte dann irgend jemand vielleicht doch beantworten und vorbei ist es mit der Zehrung für den restlichen Lebensweg, der ganze Zauber wär‘ verloren.

Deswegen fragte ich die Frau, mit der ich ständig schlafen muß, nicht einmal wie sie heißt, was sie arbeitet, warum ihr Sohn so viel vor dem offenen Fenster trainiert, ob sie Enkel hat, Vater, Mutter. Ich beschränke mich auf Aussagesätze, auf friedliche Hauptsätze, und sie hat damit kein Problem.
Nur eines ist eigenartig: daß ich daran nichts Eigenartiges finde.

Bloß eines möchte ich: ich möchte die Frau, mit der ich ständig schlafen muß, ersuchen, mir am Dienstag und am Donnerstag einen Ruhetag zu erlauben und sie am Sonntag ein wenig später besuchen zu dürfen; statt – wie üblich – um vier, sagen wir – um fünf Uhr. Am Dienstag ordiniert unser Bezirksarzt, ich würde ihn öfter einmal aufsuchen, denn über fünfzig gibt es immer etwas, das zwickt, und das man richten lassen kann. Am Donnerstag treffen sich immer Buben am nahen Schulsportplatz und spielen Fußball – ein, zwei Stunden. Und ich wäre ihr einziger Zuschauer. Es wäre schön, wenn ich dorthin gehen, ein wenig mitfiebern könnte. Und Sonntag, fünf Uhr – nur der Abwechslung wegen, denn es ist sehr wichtig, daß sich die Tage voneinander unterscheiden.

Aber ich glaube nicht, daß ich ihr das alles sagen werde, denn in letzter Zeit wird die Frau, mit der ich ständig schlafen muß, immer nachdenklicher. Einmal hat sie sogar geweint, ein anderes Mal mampfte sie eine riesige Tafel Schokolade, als ich ankam, sie setzte sich nicht auf mich und wimmerte nicht vor Lust. Irgendwas Seelisches. Oder die Wechseljahre.

Ich glaube, sie ist Malerin. Einmal waren ihre Hände voller Farbe, und sehr viele Bilder hingen an den Wänden. Und dann waren auf einmal alle verschwunden und sie plärrte, legte ihren Kopf in meinen Schoß und ich erschrak, weil ich dachte, sie wolle mein Ding in den Mund nehmen; doch sie heulte nur. Trotzdem war meine Hose nachher voller Flecken und den ganzen Weg nach Hause versuchte ich, sie zu putzen. Weil da glaubt man gleich, daß so alte Männer wie ich sich anpinkeln. Und da ist was Wahres dran. An allem ist was dran, was Wahres. So schaut es aus.

Na, die Frau, mit der ich ständig schlafen muß, heißt Sarah. Was nämlich, wenn ich mich nicht irre, denn ab und zu irre ich mich, hier in der Stadt bleibt einem kaum Zeit zum Denken, man muß immer aufpassen, wann man aus der Straßenbahn aussteigen muß, ob einen der Gemüsehändler mit dem Roßschwanz, den er mit einem Gummiring zusammengebunden hat, nicht übers Ohr haut, ob nun die Ampel am Zebrastreifen wirklich grün leuchtet, oder nur mir wieder schwindlig ist, dann erscheinen kleine grüne Flecken vor meinen Augen – ich bin nicht mehr ganz in Ordnung, so schaut es aus, das hab ich schon gesagt, oder?, daß an allem etwas Wahres dran ist. Also, der Name Sarah bedeutet, wenn ich mich nicht irre, auf Hebräisch oder Keltisch, was weiß ich – die Herrin. Sarah ist die Frau von Abraham, die Mutter von Isaak. Na, was soll ich da noch sagen? Da ist es klüger zu schweigen, sonst stellt mich der Herr noch auf die Probe, zum Teufel mit der Probe. Meine Mutter hat das immer gesagt: Zum Teufel mit der Probe. Das hab ich schon erzählt, gell? Daß sie Schauspielerin gewesen ist. Oder Hure, wer weiß. Sie mochte die Proben nicht. Was würde geschehen, wenn der Herr mich auf die Probe stellen würde? Ich würde durchfallen. Doch bei dieser Herrin namens Sarah, besteh ich die Probe noch! Die Herrin, mit der ich ständig schlafen muß. Das hab ich doch erzählt, oder?

Also, mir ist nur mehr Isaaks Frage eingefallen, die er seinem Vater gestellt hat, als sie auf den Berg, zur Opferstätte gingen:
»Wo ist das Opferlamm?«
»Gott wird schon dafür sorgen.«
»Warum ist immer Gott im Spiel? Kannst nicht du mir antworten?«
»Ich muß nur handeln, nicht antworten.«

Na klar, alles weitere ist eine Hollywood-Geschichte, Happy End, alles, und Gott ruft herab vom Firmament, er übt Nachsicht. Nicht so wie die Fahrkartenkontrolleure. Mich haben sie vor ein paar Tagen in der Straßenbahn bestraft, obwohl ich einen Monatskarte hatte. Nur hab ich sie nicht gefunden, sie war ganz unten in meinem Plastiksack, unter den Paradeisern, dem Paprika, der Milch. Wie sie dorthin gekommen ist, das weiß ich nicht. Ich stecke sie immer in mein linke Hinterntasche.

Mich interessiert einzig noch, was das Leben von mir will. Denn ich will von ihm nur mehr eines: wissen, was es von mir will. Das Leben wäre sicher ein ganz interessanter Mensch, wenn es ein Mensch wäre. Ich könnte viel über ihn erzählen. Mich mit ihm unterhalten, das wäre schwierig. Über ihn erzählen, das ginge. Ich hätte viel zu erzählen.

Was kann ich verlieren… Vielleicht erhört mich diese Sarah irgendwann einmal. Bis jetzt ist sie nur einen kleine Last, diese Sarah. Ein Rucksack. Ein Ruck-Isaak. Hätte ich einen Freund, würden wir darüber lachen. Doch ich habe keinen.

 

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2004.