| Zigeunerzeiten (Fragmente aus der gleichnamigen Novelle) von Tamás Jónás |
||
| Autos
hielten hinter unserem Haus in Csernely, und sie führten uns auseinander. Nach links und
nach rechts, nach Norden und nach Osten. Meine Eltern hatten sich verschuldet. Damals kam
man für Schulden noch ins Gefängnis. Sie – und wir auch. Mich brachte man in die
Kinderstadt von Miskolc, in ein Kinderheim, in ein Waisenhaus. Mama brüllte und weinte
hinter den Gefängnisgittern, man solle ihr doch die Kinder nicht wegnehmen. Ein Onkel mit
bösen Gesicht wollte mich trösten, es würde mir gut gehen an dem neuen Ort, es gebe
Autos dort und viele Freunde. Autos gab es tatsächlich. Und auch viele, schon gebrochene
Kinder. Sie führten häßliche Worte im Mund, und sie sagten, sie wären schon seit
Jahren hier, und sowieso würde sie niemand abholen kommen, und einem der kleinen Buben
zum Beispiel hätte man den Vater umgebracht, und er selber war auch sehr gewalttätig.
Jede Nacht träumte ich, es käme ein Engelein, und es würde mich, wie ein geflügeltes
Pferd, auf seinen Rücken nehmen und zur Erde hinab rufen (so wie der Hahn zum Sultan in
"Der kleine Hahn und der diamantene Halbkreuzer"): Erde, du, gib mir meine
diamantene Marika zurück! Denn an Marika, meiner Schwester, hing ich mehr als an jedem
anderen, mehr als an Mama oder Papa oder wem auch sonst. Es kam keine Hilfe. Ich saß auf dem Schoß der Richterin, sie wollte von mir wissen: »Was möchtest Du mal werden, Tamás, mein Kleiner?« »Kaminkehrer!« antwortete ich aufrichtig, und alle
lachten; auch ich mußte lächeln, obwohl ich nicht verstand, warum sie lachten. Da lachten sie dann alle noch lauter, die Richterin, der Anwalt, alle Anwesenden, vielleicht sogar die Angeklagte, dabei war es mir doch ernst mit dem, was ich sagte, und gerade die Angeklagte hätte es am besten wissen müssen. Abends hatte sie mich immer gebadet, als wäre ich eine Ente. Zumindest schien sie zu glauben, ich könnte es genau so lange unter Wasser aushalten, denn sie drückte meinen Kopf stets lange unter Wasser, und sagte dann immer – mit einem Lächeln auf den Lippen – so etwas wie: »Ist doch schön, das Plantschen, nicht?« Wenn ich dann nach Luft schnappte und schon eine Menge
Wasser geschluckt hatte, setzte sie das Spiel noch ein bißchen fort, hob mich
schließlich aus dem Zuber, streichelte mich mit einer eigenartigen Freundlichkeit, als
würde sie es bedauern, daß sie eben noch grausam gewesen war, doch dann ließ sie mich
auf dem Tisch liegen, nackt, und sagte gleichmütig, als wollte sie sich ihre Rührung
nicht anmerken lassen: »Also, anziehen kannst du dich doch schon selber, so klein bist du
nicht mehr.« Eines Abends kroch er dann zu mir unter die Decke und meinte: »Schwuchteln wir ein bißchen?« Warum nicht? Mir war ohnehin langweilig, mußten wir doch früh zu Bett gehen. Im Bette starrte ich dann immer an die Zimmerdecke und stellte mir Marikas Gesicht vor und konnte mir die Tränen kaum verbeißen. Ich malte mir auch immer wieder aus, wie ich aus dem Heim fliehen würde: Wenn man nach dem Nachmittagsspaziergang die Kinder zusammenruft, würde ich mich hinter dem Brunnen im Hof verstecken, und wenn sie merken, daß ich nicht da bin, habe ich mich schon drüben im Wald versteckt, und bis zum Abend rühre ich mich nicht von der Stelle, dann werde ich nicht mehr so leicht gesehen, im Dunkeln, wenn ich mich zu den großen mehrstöckigen Häusern dort hinten schleiche; ich klingle bei irgendeiner Familie und bitte sie, herauszufinden, wer ich bin, denn ich bin bloß ein Heimkind, ich weiß nicht einmal, wer meine Mutter ist, und ich möchte gern nach Hause, aber ich weiß nicht, wo das ist. So klein kann ich nichts Böses getan haben, außer
heimlich Bonbons vom Tisch meiner Pflegeeltern genommen zu haben, aber das auch nur, weil
sie mich dauernd geschlagen und mir nie Süßigkeiten gegeben hatten, und außerdem waren
es nur ein paar Karamellbonbons, und dabei haben sie dem anderen Buben, der ihr eigener
Bub war, ihr leiblicher Sohn, ihr lieber Junge immer alles gegeben, er mußte nicht nackt
und mit ausgebreiteten Armen auf den Steinen im kalten Vorraum sitzen, während sie sich
drinnen, in der warmen Stube, den Zirkus anschauten im Fernsehen; er wurde nicht mit der
Nase in den Hühnermist gedrückt, der liebe Bub, er mußte keine Kartoffeln schälen, und
er wurde nicht mit siedendem Wasser übergossen, wenn er etwas angestellt hatte; er durfte
abends einschlafen, nicht wie ich; und ich wußte nie, was ich falsch gemacht hatte, und
dem lieben Kleinen gaben sie anständig zu essen, und ihm rissen sie nicht die Haare
büschelweise aus, und ihn verfluchten sie nicht, und ihn schlugen sie nicht, ihn schlugen
sie nicht, ihn schlugen sie nicht, sie schlugen ihn nicht. Sie erzählte und ich hörte zu, hörte immer nur zu und
wunderte mich, daß es auch so etwas gibt; daß sich jemand mit dir hinsetzt und
nur dir etwas erzählt; daß er dir seine besondere Aufmerksamkeit schenkt; daß ihr euch
beide gern habt. Daß es Märchen gibt. Und als die Erzieherin mich in mein Zimmer
zurückbrachte, gab sie mir sogar noch einen Kuß auf die Stirn und streichelte mich und
sagte mir irgendetwas Nettes. Und alle im Zimmer sprangen auf und riefen und bettelten:
»Ich möchte auch ein Küsschen, ich auch, bitte, ich auch.«
Aus dem Ungarischen von Karlheinz
Schweitzer, |