| Die glückliche Klotilde von András Cserna-Szabó |
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| Ob
in unserer Stadt die Menschen glücklich sind? Ich habe kein Ahnung. Ich weiß, ehrlich
gesagt, nicht einmal, was Glück bedeutet. Natürlich hab ich schon Philosophen bemüht.
Doch dieses Denkerheer ist ein ziemlich verrücktes Völkchen: Sie reden herum, oft
völlig unverständliche Sachen, und sie sind auch stets streng mit den Ideen ihrer
Kollegen, mit sich selbst aber üben sie immer größte Nachsicht. Einer der berühmten
Denker schreibt zum Beispiel, daß es Glück nicht gäbe. Dann aber legt er dar, wie man
glücklich sein kann: während wir die Utensilien des Glücks zusammenklauben, sind wir
glücklich. Der Weg ist das Ziel also. Puff! Ein anderer (nicht weniger bekannter)
schreibt: “Den kleinen Garten menschlichen Glücks hat Gott am Ende der Welt, auf
vulkanischem Boden geschaffen.” Bums!
Wer zum Teufel versteht diesen Schmus? Außerdem gibt es mit den Philosophen noch ein weiteres bedeutendes Problem, nämlich daß die meisten von ihnen schon seit langer, langer Zeit tot sind, deswegen ergibt sich auch die Möglichkeit nicht, sie so lange zu ohrfeigen, bis sie uns endlich verraten, was sie denn nun wirklich gedacht hätten. Ich, für meine Person, glaube, daß es Glück doch gibt.
Habe ich doch schon glückliche Menschen gesehen. Die Verkäuferin der
Gemischtwarenhandlung Morafcsik war glücklich. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte:
Frau Morafcsik war nicht einfach glücklich, das Glück selbst zeigte sich als Frau
Morafcsik. Tante Klotilde füllte alleine die wohnzimmergroße Gemischtwarenhandlung (an der Ecke Jungferngasse – Herzgasse), die von einigen schlicht Klotild-Trafik genannt wurde. In diesem Geschäft gab es keine einzige Ware. Tante Klotilde zwängt sich morgens um neun ins Geschäft, dann hatte nichts mehr Platz, die Trafik war zum Bersten gefüllt, nicht einmal eine Zündholzschachtel hätte man noch hineinpressen können. Deswegen trat auch nie ein Kunde über die Schwelle der Gemischtwarenhandlung Morafcsik. Man öffnete nur die Tür – das Glöckchen bimmelte zögernd – und wenn man bei dem Anblick überhaupt in der Lage war zu sprechen, schrie man hinein, wonach man auf der Suche war. – Ich suche ukrainische Rasierklingen – sagte einer. Ein anderer suchte einen englischen Regenmantel, so
einen, der mit Wollfett eingeschmiert ist und den Regen abperlen läßt. Dann gab es Buben, die sich nicht trauten, alleine die
Tür zur Klotild-Trafik aufzumachen, sie schlossen sich zu Banden zusammen und erst dann
besuchten sie Frau Morafcsik. Doch nicht nur die Vertreter des männlichen Geschlechts besuchten die Gemischtwarenhandlung Morafcsik, unter den Kunden (d.h. unter jenen, die etwas zu kaufen versuchten) waren auch viele Mädchen und Frauen. Sie schauten stets präzise geschminkt, mit modernsten Frisuren und sorgfältig zusammengestellten Kleiderkompositionen bei Tante Klotilde vorbei, wußte doch jeder in der Stadt, daß der Geschmack von Frau Morafcsik, was die weibliche Körperpflege anging, sehr verwöhnt war. – Teure Tante Klotilde, ich möchte mich nur danach
erkundigen, ob diese argentinischen Nylonstrümpfe schon angekommen sind? Sie wissen
schon, dieses gestreiften, die man zum Tango tragen muß? Und dann waren da noch die alten Böcke, deren Feigheit jene der kleinen Jungen noch übertraf. Den ganzen lieben Tag warfen sie ihre Kugeln im Park, auf dem kleinen Schlackenplatz, in dessen oberem linken Eck Béla IV. auf seinem Thron hockte, und dabei zerbrachen sie sich über nichts anderes den Kopf, als unter welchem Vorwand sie wohl bei Tante Klotilde vorbeischauen könnten. – Küß die Pranke, Tante Klotilde, Allerteuerste! Uns
würde interessieren, ob‘s hier Hubertusse gibt? Bitte, mißverstehen Sie uns nicht, wir
denken nicht an diese Likörkomposition, die mit allerlei Heilkräutern, so gegen den
schlechten Magen, die man nach dem Schutzpatron der Jäger, dem heiligen Hubertus benannt
hat. Nein. Die meinen wir nicht, sondern diese modischen Mäntel aus grünem Lodenstoff… Man erzählte, daß Tante Klotilde mehrmals am Tag die Tür ihrer Trafik zusperrte, weil das angestaute Glück in ihr explodierte. Dann spürte die ganze untere Stadt die Beben, die das Freudengestöhn der Trafikantin auslöste. Diese Laute des Glücks brachten die Luster genauso zum Schwingen, wie wirkliche Erdbeben. Vielleicht ist es kein Zufall, daß man im südlichen Teil der Stadt den Höhepunkt der Lust auch heute noch “Fleischbeben“ nennt. Es gab keinen Menschen in der ganzen Stadt, der begreifen
konnte, warum diese zum Glück geborene Frau einen überaus sauren, strengen und bigotten
Mann, den Lukács Morafcsik, geheiratet hatte. Nach Ladenschluß kam ihr Gatte stets vors
Geschäft und meinte Tag für Tag: Doch Frau Morafcsik hatte stets ihre eigene Antwort
parat: Als Tante Klotilde diese Welt verließ, meinten viele, mit ihr sei auch das Glück gestorben. So wie man beim Tod Matthias Corvinus‘ die Gerechtigkeit beweinte. Doch ich glaub das alles nicht. Tot das Glück, tot die Gerechtigkeit, und auch Gott – tot; das ist alles Philosophengeschwafel, nicht gesotten und nicht gebraten. Das Glück lebt, danke der Nachfrage. Beweiß genug dafür ist, was auf Tante Klotildes Begräbnis geschehen ist. Lukács bat den Fleischhauer, der gleich um die Ecke der Gemischtwarenhandlung Morafcsik seinen Laden hatte, die Grabesrede zu halten, war er doch in tiefer Freundschaft mit seiner verblichenen Gattin verbunden gewesen. Der Fleischhauer stellte sich zum Mikrofon, stand dort minutenlang und gab keinen Ton von sich. Morafcsik wurde immer nervöser, hielt es schließlich nicht mehr länger aus und fuhr den Fleischer an: Wo ist nun diese Rede, mein Herr? Hamma nie gehabt – meinte der Fleischer kurz, und die ganze Stadt bog sich vor Lachen, und überall wackelten die Luster und klirrten die Fenster.
Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2003. |