F-F-Ferkelbraten
von András Cserna-Szabó

 

Pu der Bär kam eines Morgens drauf, daß er eigentlich gar nichts zu tun hatte. Er wollte nicht aufstehen. Draußen, im 100-Morgen-Wald, tobte der Winter. Unser Bär drehte sich von einer Seite auf die andere, und stieg dann doch aus dem Bett. Er legte seine Lieblingsplatte aufs Grammophon:

Leise rieselt der Schnee,
still und starr ruht der See,
weihnachtlich glänzet der Wald,
Pu dem Bären ist kalt.

und ging um Honig in die Speisekammer. Den Honigtopf stellte er auf den Tisch. Er setzte sich und tauchte seine zarte Pranke in die süße Materie. Dann hob er seine Linke an den Mund, und mit einem einzigen mächtigen Zungenschlag war das zähe Zuckerbrot verschwunden.

– Wäääääää – schrie Pu voller Zorn und spuckte den Honig auf den Boden. – Wenn ich so weitermache, bekomm ich noch Skorbut von der einseitigen Ernährung.
Pu der Bär haßte nämlich den Honig. Mehr noch, er haßte alle Klischees. Deswegen, weil er zufällig als Bär zur Welt gekommen war, sollte er den Honig lieben, vergöttern? Weil idiotische Märchenschreiber es von ihm erwarteten? Nein, nein und nochmals nein! – schrie er und schmiß den Honigtopf zu Boden. Er setzte seine Mütze auf, wickelte sich den Schal um den Hals und versuchte sein Leibchen über den Bauch zu ziehen, doch es rutschte immer wieder nach oben: es hatte Größe L, der Bärenbauch hätte aber XXL vertragen.

– Eine auf die Fresse pfeffern würd‘ ich dem Typen, der einem Märchenhelden wie mir, der in so einem arschkalten Wald lebt, so einen kurzen Fetzen auf den Bauch malt – ärgerte sich Pu und warf die Türe seines Holzhäuschens zu.

Er machte sich auf den Weg zu Ferkels Haus. Sein Gesicht lag in niederträchtigen Falten, und sein Magen knurrte vor Hunger. Als er das Haus seines Freundes erreichte, dachte er nicht einen Moment daran, anzuklopfen. Mit seinen Bärentatzen trat er die windschiefe Tür ein. Ferkel saß in einem Sessel und war damit beschäftigt, ungeschickt zu sein.

– Was zum Teufel machst du, du Ferkel? – schrie Pu der Bär.

F-F-Ferkel versuchte schon seit vielen Stunden, eine Orange zu schälen, doch einmal fiel sie ihm aus der Hand, ein anderes Mal schnitt es sich in den Finger oder spritzte sich den Saft in die Augen. Seine Hände waren blutig, sein Gesicht klebte vom Orangensaft.

– Na, was werde ich schon machen, Pu? Ich bin ungeschickt. Aktiv ungeschickt. Du weißt ja, daß ich zwei linke Hände habe! Klein bin ich, ungeschickt und dann noch meine Komplexe. Kennst du nicht vielleicht einen guten Psychiater? Der täte mir ich wirklich Not…

– Kusch, du Milchferkel. Diesmal helf‘ ich dir nicht! Ich hab die Nase voll. Ich kann doch nicht mein ganzes Leben damit verbringen, einem immer patschigen, kleinen Schwein unter die Arme zu greifen. Und außerdem! Jetzt ist endlich Schluß mit dieser Trottelwelt voller Schlafsofas und Zuckerwattenliebe! Ab jetzt herrschen die Gesetze der Wildnis! Der Stärkere möge gewinnen! Aus ist‘s mit dem Honig und der Illusion der Liebe! Die Macht des Herzens wird hiermit von der Macht des Magens abgelöst. Die Zeit des überbärigen Bären ist gekommen.

Pu der Bär riß Ferkels Besteckschublade auf und zog ein Tranchiermesser mit Holzgriff heraus. Das kleinwinzige Schweinchen zitterte in seinem Fauteuil wie Espenlaub in russischen Romanen. Pu schnitt mit einem entschlossenen Hieb das gestreifte Kleidchen vom Körper seines Freundes und sinnierte währenddessen darüber, in welcher Seelenverfassung ein Zeichner wohl sein muß, der ein Ferkel wie eine Wespe aussehen läßt.

Drei Stunden später kräuselte sich der Duft von Ferkelbraten (mit viel Thymian und Majoran) durch die eingetretene Tür und legte sich über die Baumwipfel des 100-Morgen-Waldes. Tieger hüpfte als erster, wie ein rot getupfter Gummiball, durch die Tür von Ferkels Haus. Er war der erste, der den Braten gerochen hatte, haben doch die Tiger die allerbesteste Nase auf der Welt.

– Was für ein fürstlicher Ferkelbraten, ein Wunder, daß er nicht von einem Tiger gemacht wurde, weil nämlich die Tiger sich auf der Welt am allerbestesten auf das Bratenmachen verstehen, das steht ja in jedem Lexikon! – brüllte Tieger ohne Luft zu holen.

– Ich hab genug von den Karotten, ich will Fleisch! – Rabbit schäumte vor Wut.
– Aus den Abschnitten könnte man Einbrennsuppe machen. – meinte die Eule besserwisserisch.
– Kann Ruh das Öhrchen haben? – fragte Känga. Sie trug ein sanftes, mütterliches Lächeln auf ihren Lippen.

Und das Gelage begann. Sie fraßen das schmackhafte Fleisch, sprachen kein einziges Wort, sie stopften nur und stopften ihre Märchenbäuche. Allein I-Ah erhob seine Stimme, als er schon fast satt war:
– Und F-F-Ferkel laden wir nicht zum Essen ein? – fragte er mutlos.
Die Tiere blickten einander an und schrieen dann im Chor: – Rindviiiiiiiieh!
– Nein, Esel. – murmelte I-Ah.

Über den weiteren Hergang der Dinge nur kurz: Die Macht des Magens setzte sich im 100-Morgen-Wald endgültig durch. Sie regierte aber nicht lange. Tieger bewies ein paar Tage später, daß die allerbesteste gebackene Eule einzig und allein von einem Tiger gemacht werden kann. Rabbit erntete mit seinem Tigersaftfleisch (mit Babykarotten) einen Riesenerfolg. Pu glänzte in Sachen Paprikakaninchen. I-Ah hatte sich schnell ans Bärengulasch gewöhnt.

Wenn man kein Roß nicht hat, dann tut‘s ein Esel auch! – sagte Ruh, als es die scharfe Eselrohwurst in die Speisekammer hängte. Und Känga bestätigte die Theorie, daß nicht nur die Revolution die eigenen Kinder frißt…
Aber davon, wie ein echtes, auf Holzkohlenglut gut durchgebratenes Känguru-Steak schmeckt, könnte nur mehr Christopher Robin erzählen.

 

Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, 2003.