| Dr. Umbra oder die Geschichte der Talentsuche von Attila Bartis |
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| An einem Samstag abend wusch mich Mutter, zog mir das Sonntagsgewand an, als gingen wir ins Theater oder zu den Tóths um Rommé zu spielen, oder zu einer Dichterlesung in das Kulturhaus irgendeines Dörfchens oder zum Grillen bei den Gebrüdern Soós oder wohin auch immer, wo man aber nicht bloß in einem alten Pullover hingeht und nicht, weil man über uns reden könnte, sondern es gehört sich einfach nicht, – und da gibt es einen großen Unterschied; dann zog sie mir auch meinen Regenmantel aus Wachsleinwand an und schickte mich auf den Gang hinaus, damit es mir nicht zu warm würde. So zehn Minuten lang stand ich dort, zwischen mir und meinem Regenmantel war der ehemalige Sonntagsanzug meines Vaters, den Géza Knopp, Modeschneider in der Leninstraße, zu ganz günstigem Preis geschneidert hatte – »Mein Sohn! Er sitzt wie angegossen, und er wird noch jahrelang ein Anzug sein, nicht wie das Gelump, das im Warenhaus Romarta ein Vermögen kostet!«, und er war tatsächlich noch jahrelang ein Anzug, weil Herr Knopp jeden Herbst fünf Zentimeter von den Jackenärmeln und den Hosenbeinen herausließ, immer zu günstigem Preis, und als es nichts mehr zum Herauslassen gab, trug ihn Vater wieder, auch wenn nicht mehr am Sonntag, sondern nur mehr, wenn er ins Feld zog. Damals lebten wir nämlich davon, daß Vater Betriebsbesichtigungen machte, für ein Farbmagazin Interviews mit LPG-Vorsitzenden, Stahlarbeitern und Forschungsingenieuren machte, so ging Vater von LPG zu LPG, von Gießhütte zu Gießhütte, manchmal ging auch ich mit, ich streichelte die Kühe und schaufelte den Koks; und abends, wenn wir nach Hause kamen, ging ich ins Bett und Vater setzte sich zu seiner Schreibmaschine Marke Consul, er stellte die von dem Agronomen erhaltenen Flaschen Zwetschkenschnaps auf den Tisch und schrieb bis in den Morgen seine Artikel. »Auf mich können Sie immer zählen, Herr Bartis! Wenn ihnen ein-zwei Säcke Kunstdünger fehlen, müssen Sie mir nur Bescheid sagen.«, meinte der Agronom, als es schon sicher schien, daß er zwei Wochen später im Magazin erscheinen würde, Vater sagte aber, daß er sich für den Schnaps bedanke, Kunstdünger könne er aber nicht annehmen, denn das wäre ein Mißbrauch der Macht des geschriebenen Wortes, und der Agronom antwortete, daß es keinerlei Mißbrauch sei, man müßte die Säcke nur beim Tor III. abholen, wo es niemand sieht. Dann machte Dr. Umbra eine Operation von herausragender Bedeutung an einem Versuchstier der Medizinischen Universität und erhielt dafür staatliche Anerkennung, deswegen mußte Vater mit ihm ein Interview machen. Sie setzten sich also und tranken ein wenig, so ist ein das Gespräch nämlich weniger offiziell; und da passierte, was in solchen Fällen gemeinhin passiert, und zwar daß Dr. Umbra auch solche Dinge verriet, die nicht unbedingt für die Öffentlichkeit bestimmt waren, zum Beispiel daß die Operation an der weißen Ratte namens Georg nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war, eine Täuschung, in Wirklichkeit beschäftigte er sich mit ganz anderen Dingen; er sitzt nächtelang in einem der Laboratorien der Universität und tut so, als korrigierte er Hausarbeiten, inzwischen betritt er aber die neuesten Wege der Medizin. Mit einigen einfachen Untersuchungen sei er schon imstande, nicht nur die Anlage zum Krebs, sondern auch andere Anlagen festzustellen: ob man Talent beispielsweise zum Musizieren hätte. Es funktioniere allerdings nur mit einer Genauigkeit von achtzig bis neunzig Prozent, und es bedeute natürlich nicht, daß, wenn jemand die Anlage zum Krebs hat, auch wirklich Krebs bekommen wird, und wer die zum Musizieren hat, Pianist wird, nur soviel, daß man das Rüstzeug dazu hätte, und wenn man dies rechtzeitig weiß, kann man sein Leben danach führen. Ein bißchen müßte er noch daran herumtüfteln und schon könnte vielleicht eine Sicherheit von fünfundneunzig Prozent erreicht werden; und er bräuchte eine Einladung ins Ausland, denn er hätte keine Lust, wieder “Held der sozialistischen Arbeit“ zu werden. Und da fühlte Vater, daß er einmal im Leben vielleicht die Macht des geschriebenen Wortes mißbrauchen könnte, denn da ging's um die Wurst, nicht um zwei Säcke Kunstdünger, sondern um die Zukunft seines Sohnes; deshalb verabredete er sich mit Dr. Umbra für Samstag abend. Ich stand also Samstag abend draußen, auf dem Rundgang des Zinshauses, und dachte daran, daß Dr. Umbra immerhin ein Arzt ist, und wenn das Talent schon von einem Arzt untersucht werden muß, dann ist es eine Krankheit wie Krebs, ist es ein Tumor der Seele, an dem man über kurz oder lang krepiert. Ich hörte Mutters Stimme aus der Küche – laß ihn das Kind nicht quälen – sagte sie zu Vater und so wußte ich, daß Mutter nicht mitkommt, und ich begann beinahe wirklich zu heulen, aber da kam Vater und wir gingen die Rákóczi-Treppe hoch, über den Boulevard in Richtung der Medizinischen Universität. Dr. Umbra wartete, wie verabredet, an der Telefonzelle,
ich stellte mich vor und durch eine hintere Tür betraten wir das riesige Gebäude. Der
Doktor leuchtete in den Fluren mit einer alten Elbe-Taschenlampe, damals war sie eine der
beliebtesten Lichtquellen, damit gaben die Bahnwärter den Lokomotiven Signale, damit
gingen die Nachtwächter auf Streife und auch ich leuchtete damit am Dachboden, als ich
hochging, um in der Kiste, die die Ebers uns, genauer der Oma anvertraut hatten,
herumzuräumen. Ich fummelte an dem verrosteten Vorhängeschloß herum, bis es sich
aufmachen ließ, nicht weil man es nicht mit einem einzigen Schlag hätte abschlagen
können, aber was wäre gewesen, wenn irgendein Eber morgen oder übermorgen um die Kiste
kommt und das Vorhängeschloß abgeschlagen ist, also fummelte ich daran lieber tagelang
herum und dann, als ich mit meiner Elbe in die Kiste leuchtete, gab es darin außer einem
gelblichen Lichtkegel und einer handvoll Stoffetzen nichts, denn während dreiunddreißig
Jahren hatten die Motten vom Smoking des Herrn Eber bis zum Hut der Frau Eber alles
aufgefressen. So erklommen wir Stockwerk um Stockwerk, bis wir ins Zimmer des Dr. Umbra gelangten, wo das Licht schon ordentlich angemacht war. Es war ein gewöhnliches Sprechzimmer wie jedes andere: Chlorgeruch, Tisch mit zwei Stühlen, Bett, Waage, Paravent und ein Schrank mit Glastüren, hinter denen Spritzen lagen. Wenn er mich doch mit einem Finger berührte, sage ich ihm, daß ich ihn anzeige, dachte ich. Es reicht ein bloßer Anruf, ich hab' nur soviel zu sagen, daß Dr. Umbra von der Uni dissidieren will, vielleicht brauche ich mich nicht einmal vorzustellen, und schon wird er zum Donau-Schwarzmeer-Kanal zur Zwangsarbeit rekrutiert. Der Doktor schenkte in drei Tassen Tee ein, dann tranken wir und dabei fragte er Vater, was für Krankheiten in der Familie vorgekommen waren, wer woran gestorben war, ob jemand Selbstmord begangen hatte. Dann bat er mich, mir alles außer der Unterhose auszuziehen und ich war Mutter dankbar, daß sie nach dem Nachtmahl noch schnell meine Socken gestopft hatte. Ich stellte mich auf die Waage, zweiundvierzig und ein halb, bei der Größenmessung streckte ich mich nach der Bitte des Doktors, hundertneunundsechzig, dann zog ich mir die Schuhe wieder an. Nach der Augenhintergrunduntersuchung fragte er, ob ich oft Kopfschmerzen hätte und ich bejahte und Vater meinte, daß wir dem Kind bald eine Brille machen lassen. »Es ist nicht sicher, daß er eine braucht, vielleicht
werden die Augen mit der Zeit besser«, sagte Dr. Umbra, »das müssen Sie mit einem
Augenarzt besprechen.« Dr. Umbra rechnete das Fassungsvermögen meines Schädels aus und bat mich um Fingerabdrücke, was mir einfach erschien, deshalb widersprach ich nicht, es tat mir sogar gut, die Fingerbeeren in den grauen, lauwarmen Kitt zu drücken, und ich geriet erst in jenem Moment in Verzweiflung, als er das Muster nahm und es mit einer Lupe zu untersuchen begann, denn da fiel mir ein, daß sich jetzt alles herausstellen könnte, die Kiste der Ebers und das Feuerzeug des Parteisekretärs von der Dichterlesung in Sowata und das Nationalitätszeichen vom Auto unseres ausländischen Bekannten sowie der Flaschenöffner des Schuldirektors aus Kertzing, nur dieser Flaschenöffner darf sich bitte nicht herausstellen, dieses Gelump, eine aus Bronze gegossene nackte Frau mit prallem Busen, und der Kugelschreiber mit der sich entkleidenden Frau vom Schreibtisch des Mitschülers Sütõ, diese beiden Sachen dürfen sich nie herausstellen, schon seit zwei Wochen hatte ich sie nicht mehr angeschaut, dachte ich, und im Spiegel über dem Wasserhahn beobachtete ich den Doktor, der noch immer meine Fingerabdrücke untersuchte. »Schönes Labyrinth« sagte er schließlich und Vater fragte, was das hieße, worauf Dr. Umbra antwortete, eigentlich nichts, weil jeder Fingerabdruck ein schönes Labyrinth ist. Dann sah er mir in die Augen, besser gesagt in den Spiegel, am Silber des Spiegels begegneten sich unsere Blicke, und ich fühlte, daß er für sein Schweigen etwas Dank erwartete, ich spürte aber keinerlei Dank in mir. Ich hätte mir die Hände gewaschen und mich angezogen in der Hoffnung, daß die Untersuchung zu Ende ist, aber da holte der Doktor aus dem Schrank mit den Glastüren die Nadel und den Gummischlauch hervor. Darum sagte Mutter, »laß ihn das Kind nicht quälen«. Als ich wieder zu mir kam, schenkte der Doktor noch eine Tasse Tee ein und sagte, daß es ihm leid tue und daß ich mich beruhigen solle, es ist ja durchaus natürlich, wenn ein Zehnjähriger den Anblick von Blut nicht erträgt, dann fragte er, seit wann ich das hätte, und ich antwortete, seit Weihnachten 1944, was freilich Quatsch war, denn ich bin 1968 geboren, aber der Doktor hörte zum Glück nur »Weihnachten« und fragte, was da zu Weihnachten passierte, worauf ich damals noch nicht antworten konnte und heute ist es sowieso schon egal, und das tut hier nichts zur Sache, vielleicht ist die Geschichte nicht einmal wahr. Deshalb sah Dr. Umbra Vater an und Vater beruhigte ihn, daß das Christkind zu uns genauso ordentlich kommt wie zu jedem anderen. »Na gut«, sagte Dr. Umbra und ging für einige Minuten
ins Labor hinüber, um aus dem Blut im Prüfglas zu ermitteln, ob Krebs oder Klavier, und
als er es ermittelt hatte, rief er Vater hinüber, um ihm das Ergebnis mitzuteilen. Es war schon sehr spät, am Wasserwerk ging ein Trupp
Soldaten Streife. Sie beleuchteten mit ihrer Elbe kaum die Papiere des Vaters, ich wurde
gefragt, ob dieser Mann mein Vater sei und ich bejahte, so hatten sie nichts auszusetzen. Aus dem Ungarischen von Zsóka Leposa, 2004. |