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Eine Schublade voller Zettel
Interview mit Attila Bartis
von Tekla Gaál

 

Im Namen der litera-Redaktion möchte ich Ihnen zum ersten Platz auf der Bestenliste des Südwestrundfunks gratulieren, den Sie mit Ihrem Roman Die Ruhe (Suhrkamp Verlag), der in der zweiten Hälfte dieses Jahres auch in deutscher Sprache erschienenen ist, erreicht haben. Was bedeutet diese Anerkennung für Sie? Inwiefern halten Sie die Präsenz im Ausland für wichtig?

Danke. Man freut sich über fast jede Würdigung, über diese erst recht. Ich wußte, daß diese Anerkennung viel bedeutet, aber aus den Reaktionen der heimischen Presse läßt sich schließen, daß die ausländische Präsenz noch wichtiger ist, als ich gedacht habe. Warum sollte ich es leugnen, ich bin ein wenig überrascht, was für eine Resonanz diese Erfolgsnachricht hierzulande hatte. Selbstverständlich ist es wichtig, daß ein Buch auch im Ausland erscheint, obwohl im Zusammenhang mit der Rezeption wirklich interessant ist: welcher Text wo wie interpretiert wird, was erhalten bleibt oder was davon verloren geht, wohin die Akzente verschoben werden. Wenn man sich zum Beispiel die deutschen Kritiken anschaut, scheint es so, daß für den deutschen Leser die Wende eines der wichtigsten Motive des Romans ist. Wenn ich mich richtig erinnere, hat sich die inländische Kritik fast nicht mit dem diesem Motiv beschäftigt, unabhängig davon, ob sie das Buch lobte oder kritisierte. Was nicht unbedingt ein Problem ist, einen aber auf jeden Fall nachdenken läßt.

Der Roman wurde ja von vornherein mit großem Interesse erwartet, in der Rezension des deutschen Internetportals perlentaucher.de wurde das Buch schon vor Erscheinung ausführlich vorgestellt, nach der Erscheinung erhielt es dann unbestritten durchwegs positive Kritiken in mehreren bedeutenden Tageszeitungen. Eine würdigende Rezension war unter anderem in den Spalten der Neuen Zürcher und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen. Warum ist dieser Roman Ihrer Meinung nach so erfolgreich in Deutschland? Was könnte der Grund dafür sein, daß die Deutschen dem Buch Die Ruhe besondere Aufmerksamkeit schenken?

Ich weiß ziemlich wenig über das deutsche Literaturleben, über die deutschen Leser fast gar nichts, deshalb kann ich nicht beurteilen, warum das Buch so eine besondere Aufmerksamkeit bekommt. Ich muß zugeben, ich wüßte es bei den ungarischen Lesern wahrscheinlich genauso wenig. Ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, daß nicht nur dem Buch Die Ruhe, sondern der Literatur überhaupt eine andere Art der Aufmerksamkeit geschenkt wird als in Ungarn.

Der Roman ist in Deutschland in der Übersetzung von Ágnes Relle erschienen. Wie finden Sie die Übersetzung? Inwieweit nahmen Sie daran teil?

Ich spreche kein Deutsch, deshalb kann ich die Übersetzung nur danach beurteilen, was ich darüber gehört habe. Wir haben mit Ágnes während der Übersetzungsphase ständig korrespondiert, und man konnte ihre Präzision schon aus ihren Fragen entnehmen. Jede Übersetzung ist zugleich ein Verlust, aber ich habe bei jedem Problem, das aufgetaucht ist, gespürt, daß sie ganz genau fühlt, was warum geopfert werden darf oder muß. Ich halte es für ausgeschlossen, daß man ohne die Anerkennung ihrer Arbeit über den Erfolg des Buches sprechen könnte. Außerdem ist es völlig ausgeschlossen, daß dieses Interview ohne sie je stattfinden hätte können.

Verhandeln Sie mit dem Suhrkamp Verlag über eine nächste deutsche Erscheinung? Wenn ja, was können die deutschen Leser das nächste Mal von Attila Bartis lesen?

Leider weiß ich nicht mal, was die ungarischen Leser das nächste mal lesen werden. Deshalb ist es unwahrscheinlich, daß in der nahen Zukunft ein neuer Band in deutscher Sprache erscheinen wird.

Im ungarischen Nationaltheater (Nemzeti Színház) wird das Stück Meine Mutter, Kleopatra, das aus dem Werk Die Ruhe entstanden ist, seit drei Jahren mit großen Erfolg gespielt. Ist eine Aufführung des Stücks auch in Deutschland geplant?

Davon weiß ich nichts. Zu Aufführungen in anderen Ländern besteht die Möglichkeit, am wahrscheinlichsten ist eine Premiere in Warschau, deutsche Theater haben sich aber noch nicht für das Stück interessiert.

Laut unseren Informationen plant Unio Film die Verfilmung eines Drehbuchs, das aus dem Roman entstanden ist. Róbert Alföldi soll dabei Regie führen. Wann kommt der Film in die Kinos? Weiß man schon, wer im Film mitspielt?

Es stimmt, das der Roman verfilmt wird; Regie führt Alföldi, Garaczi schreibt das Drehbuch, István Bodzsár ist der Produzent, es ist aber nicht meine Aufgabe über die Rollenvergabe zu sprechen. Was die Premiere betrifft, würde ich gern Dezember sagen, ich fürchte aber, daß es nicht von mir und auch nicht von Alföldi abhängt, sondern von den Kuratorien, die der ungarischen Filmkunst sehr bescheidene staatliche Gelder zukommen lassen.

2006 und 2007 ist in Deutschland das Jahr der ungarischen Kultur. Werden Sie auch an der Förderung der ungarischen Kultur und Literatur teilnehmen?

Ich weiß es nicht. Ich bin zwar zu einigen Veranstaltungen eingeladen worden, diese finden aber nicht im Rahmen des ungarischen Kulturjahres statt. Trotzdem werde ich natürlich die ungarische Kultur vertreten.

Welche deutschen Schriftsteller lesen Sie gerne, welche hatten vielleicht auch Wirkung auf Ihre Werke?

Heinrich Böll, Thomas Mann, Günter Grass, Thomas Bernhard – ich glaube, von den deutschen Schriftstellern habe ich, wie viele Anderen auch, das meiste von diesen gelesen. Und natürlich Kafka, er kommt mir aber irgendwie nicht als deutscher Schriftsteller in den Sinn, sondern als Kafka. Und dann ist da immer Goethe, gleich neben meinem Bett, in Reichweite, von dem ich nie genug gelesen habe, um mit einem guten Gewissen schlafen zu können. Was aber die Wirkung, den Einfluß auf mich angeht: den zu erforschen, ist, denke ich, eher die Aufgabe der Literaturwissenschaftler, aber nicht die meine.

Die Fotos von Barna Burger, die in den Band, den er zusammengestellt hat, keine Aufnahme fanden , sind zur Zeit auch auf der litera (www.litera.hu) zu sehen. Im Buch hat jeder Schriftsteller ein Motto zu “seinen“ Bildern gewählt – nur Sie nicht. Geschah das mit Absicht?

Ja.

Woran arbeiten Sie zur Zeit? Was werden die ungarischen Leser das nächste Mal von Ihnen lesen?

In letzter Zeit hat sich viel Arbeit angehäuft, die beendet oder begonnen werden muß, dazu kommt noch, daß ich ständig Angst davor habe, daß ich mich vielleicht um mehr annehme , als ich schaffen kann. Und die “Überproduktion“ würde niemandem nutzen. Natürlich ist jede dieser Arbeiten wichtig, trotzdem handelt es sich um nichts Anderes, als ständiges Verschieben und Abwarten. Natürlich möchte ich einen Roman schreiben. Aber seit fünf Jahren bin ich nicht weiter gekommen: was ich bisher gemacht habe? Ich habe eine Schublade mit kleinen Notizzetteln angefüllt.


Aus dem Ungarischen von Orsolya Turai, 2006.

 

 

 

mit freundlicher Genehmigung von

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